Die digitale Gesellschaft des Hasses

Einmal vorab: ich bin fest davon überzeugt, dass ein jeder kundtun muss, wenn er mit etwas unzufrieden ist. Gerne auch emotional. Die Blüten „emotional“-aggressiver Ausbrüche, die in den sozialen Netzwerken zu beobachten sind, versetzen mich jedoch in Erstaunen.

Bekanntermaßen schlagen die Emotionen besonders bei politischen Themen schnell stärker aus als es das gute Miteinander gebietet. Die Flüchtlingskrise ist nur ein Beispiel dafür. Schockiert hat mich jedoch erst vor wenigen Tagen der Umgang mit einem weitaus unpolitischerem Thema: Pokémon Go.

Während besonders meine Generation (ich bin Jahrgang 1992) mit diesem Spiel glückliche Kindheitserinnerungen verbindet, gefällt es wahrlich nicht jedem. Zweifelsohne provoziert das Konzept der App einige weniger umsichtige Menschen nichtsahnend vor ein Auto zu laufen. Das kritisierte auch schon die Polizei. Nicht ganz zu Unrecht. Über die ersten Rufe nach einem Verbot möchte ich an dieser Stelle gar nicht erst reden.

Was sich jedoch zuweilen in den Sozialen Netzwerken abspielt, ist wirklich absonderlich. Kaum fordert die Ostseezeitung ihre Leser über Facebook auf, ihre sehenswürdigsten Bilder der App zu präsentieren (es geht darum, frei herumlaufende digitale „Monster“ zu fangen), beginnt der Shitstorm. Ohne dass auch nur ein einziges Bild gepostet wurde, sind bereits Aussagen zu lesen wie: „Poké-Mongo“, „digitale Verblödung“, „Schwachsinn“, „völlig überflüssig“, „Haben die alle keine Arbeit?“, „Volksverdummung“, „Scheiß“, „Spielsüchtige“.

Diese Form der Kritik war leider die dominierende.

Nun ist in unserer Gesellschaft niemand gezwungen, etwas toll zu finden oder mit seiner Meinung hinter dem Berg zu halten. Das Ausmaß der verbalen Entgleisungen gegenüber unbekannten Menschen in einem öffentlichen Raum zeugt allerdings von einer fortgeschrittenen Verrohung des Umgangs miteinander.

Dabei wünscht man seinem Gesprächspartner wohl auch nicht immer das beste. So wurde mir gegenüber die Empfehlung geäußert, ich solle die Pokémon doch am Hauptbahnhof suchen. Besonders auf den Gleisen gäbe es sehr viele.

Ein einfaches „Passt bitte auf eure Umgebung auf“ oder „Bitte spamt mir nicht meine Timeline mit diesen Bildern zu“ hätte auch gereicht. Wer anderen Menschen aber keine glücklichen Kindheitserinnerungen mehr gönnt, hat auch hinsichtlich der Politik nichts Besseres verdient.

von Chris Rehhagen

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