„Gewaltspiele“ – Grundübel unserer Gesellschaft?

Ich und meine Gefährten von der Antiterroreinheit sind nervös. Über Funk bekommen wir die Nachricht, dass die Terroristen die Bombe scharfgemacht haben. Wir haben nicht mehr viel Zeit. Also beeilen wir uns, weichen etwas vom Plan ab. Vor uns auf einmal 3 Terroristen. Sie sind nicht gut ausgebildet und wir schaffen es, sie zu überwältigen. Einer von uns kümmert sich um die Bombe. In letzter Sekunde kann er sie entschärfen. Nein. Dies ist kein Bericht aus den Krisenherden dieser Erde. Dies ist eine ganz normale Runde Counter Strike. Für das ungeübte Auge sehen diese oft martialisch aus. Wer aber über seinen Schatten springt und sich ein wenig damit beschäftigt, wird erkennen wie viel Taktik dahintersteckt. Taktik im Spiel. Und genau das ist der Punkt, den viele Politiker oft nicht verstehen wollen. Der Klick auf eine Computermaus lehrt einen Menschen nicht, wie man ein Sturmgewehr hält oder dieses benutzt. Taktiken, welche im Spiel angewendet werden, lassen sich nicht auf die Realität anwenden.

 

Nach der Logik eines Thomas de Maizière, müssten wir täglich hunderte Amokläufe erleben, wenn man die täglichen Millionen von Spielern bedenkt, deren Freizeit sich teilweise in digitalen Welten abspielt. Viel schlimmer noch offenbart de Maizière seine vollkommene Unwissenheit in diesem Thema, wenn er davon spricht, dass „… Gewaltspiele im Internet für Kinder nicht förderlich sein können.“ Natürlich hat er dabei Recht. In mehreren Punkten. Solche Spiele sind nicht darauf ausgelegt, Kinder in ihrer Entwicklung voranzutreiben. Genau dafür gibt es die USK. „Gewalt- oder Killerspiele“, wie sie gerne angeführt werden, sind für Kinder und in der Regel auch Jugendliche nicht erhältlich. Das heißt nicht, dass sie nicht an solche herankommen. Ähnlich wie an Alkohol und Tabak. Diese kritisiert de Maizière nicht. Komisch.

Wenn man jedoch über die Abstumpfung der Gesellschaft gegenüber der Gewalt redet, könnte man unserem Innenminister ebenfalls Recht geben. Gewaltspiele stumpfen einige Menschen gegenüber Brutalität ab. Wenn man allerdings anfangen würde, solche Spiele aufgrund dieses Argumentes zu verbieten, dann fordere ich aber bitte Konsequenz. Keine Spielfilme mehr! Keine Bücher in denen irgendjemandem Gewalt angetan wird! Kein Kampfsport, kein Paintball, kein Lasertag. Besonders wichtig: keine Nachrichten mehr! Nichts stumpft einen Menschen mehr ab, als die alltägliche Zurschaustellung von Terror, Gewalt, Verbrechen und Krieg. „Wieder 60 Tote in Südostasien? Schade drum.“

Liebe Politiker. Bitte verfallt nicht erneut in eure gewohnten Muster und sucht Probleme nicht dort, wo keine sind. Wir reden hier wieder von einem Generalverdacht gegen sämtliche Gamer. Nur weil ich gerne spiele, heißt das nicht, dass ich diese Games in die Realität bringen würde. Sucht die Probleme dort, wo sie tatsächlich sind: Bei meist jungen Leuten, welche aus dem Blick von Pädagogen und Betreuern geraten. Die sozial nicht gut integriert sind. Redet mit diesen Menschen. Bildet besser geschulte Sozialhelfer aus, die sich solcher Personen annehmen können. Lasst bitte normale Leute in Ruhe, welche friedlich ihrem Hobby nachgehen.

Den Schuss nicht gehört

Kurz nach dem Amoklauf des Attentäters von Würzburg twitterte die Vorsitzende des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz folgendes :

 

Die Aufregung war so erwartbar wie vorprogrammiert. Wie immer allen voran der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt. „Dieses Gerede nervt zwar, ist aber eigentlich irrelevant. Frau Künast hat schlicht keine Ahnung von Polizeiarbeit, aber da ist sie ja nicht alleine.“ Aha.

Nun ist unser Staat zum Glück ein demokratischer Rechtsstaat. Werte wie Gewaltenteilung und auch der Schutz des menschlichen Lebens sind in seiner Verfassung, bei uns Grundgesetz genannt, festgeschrieben.  Zu dieser Gewaltenteilung gehört die Überwachung der Exekutive. Sie kann in einem Rechtsstaat eben nicht frei handeln und machen was sie will, sondern ist an Recht und Gesetz gebunden. Dadurch bedingt muss sie der Öffentlichkeit gegenüber Rechenschaft über ihr Handeln ablegen. Nicht umsonst sprechen Verwaltungs- und Strafgerichte ihr Urteil „Im Namen des Volkes“.

Der schlimmste Eingriff, die krasseste Handlung, zu der der Staat dabei fähig ist, ist die Tötung eines Menschen. Wenn dann die Exekutive in Form des SEK-Kommandos zu der Maßnahme des sogenannten „finalen Rettungsschusses“ greift muss sie sich Nachfragen gefallen lassen. Man könnte sogar so weit gehen und sagen: Die Gesellschaft ist geradezu verpflichtet genau hinzuschauen wenn die Polizei zu diesem Mittel greift.

Vor diesem Hintergrund ist es von einem Vertretet der Polizei absolut inakzeptabel die Nachfrage von Frau Künast als nervig und eigentlich irrelevant zu bezeichnen. Nicht Frau Künast muss sich für ihre Nachfrage rechtfertigen; Herr Wendt hat sich der Öffentlichkeit gegenüber für das Handeln seiner Kollegen zu rechtfertigen.

Nun mag Frau Künast vielleicht nicht die richtige Person für die Frage sein. Aus der gemütlichen Oppositionsbank im fernen Berlin lässt sich nun mal schwer beurteilen, ob dem SEK-Kommando in der Konkreten Situation andere, mildere Mittel zu Verfügung standen. Und wahrscheinlich ist Frau Künasts direkte Erfahrung im Zusammenhang mit Amokläufen und bewaffneten Tätern auch eher gering. Das alles ändert aber nicht an der grundsätzlich Berechtigung ihrer Frage.

Was bei der Kritik an Frau Künast besonders bedenklich ist, ist die Einstellung vieler Kritiker, die Polizei mache schon alles ordentlich und richtig. Vom Durschnittspolitiker im Regelfall noch verbunden mit dem populistischen Dank an alle Einsatzkräfte die täglich tapfer ihr Leben aufs Spiel setzen. Es ist genau diese Art von Persilschein, die wir der Polizei oder irgendeiner anderen exekutiven oder judikativen Institution nicht ausstellen dürfen. Ansonsten laufen wir Gefahr, dass sie sich verselbstständigen.

Die aktuellsten Beispiele dafür stammt aus der politischen Praxis: Offenbar hatte es das parlamentarische Kontrollgremium jahrelang versäumt der BND-Führung ausreichend auf die Finger zu klopfen. Die Zustände beim BfV waren auch nicht viel besser.

Bei allem guten Willen der bei vielen Beamten da draußen mit Sicherheit herrscht: Es ist die Freiheit und die Rechtsstaatlichkeit die Vorrang in unserem Staat haben muss und nicht die Sicherheit. Das aber braucht ständige, anstrengende Kontrolle. Anders ausgedrückt: Ständiges Nachfragen durch Bürger und Politiker. Und nichts anderes hat Renate Künast getan. Vielleicht auf unglückliche Art und Weise. Aber den Shitstorm hat sie jedenfalls nicht verdient. Im Gegenteil.

von Alexander Künzle